Wie es zum „Kiwwelschiss“ kam

Während man im 19. Jahrhundert im Odenwald zur Verrichtung menschlicher Bedürfnisse üblicherweise den Misthaufen aufsuchte, benutzte man in Mosbach hierfür bereits so genannte „Kiwwel“ (Kübel). Das waren ausgediente Most- und Weinfässer sowie Eimer jeglicher Art, die man an einem „stillen Örtchen“, üblicherweise den schmalen Zwischenräumen zwischen den eng gedrängten Fachwerkhäusern der Mosbacher Altstadt, diskret aufstellte.

Der wertvolle Kiwwel-Inhalt, die „gut Brieh“ (gute Brühe), war wichtig zur Düngung der kargen Muschelkalkböden auf den Hängen außerhalb der Stadt, wo Kartoffeln, Gemüse und Wein angebaut wurden. In der Stadtordnung war festgelegt, wann die Kiwwel entleert werden durften, so dass sich zu diesen Gelegenheiten regelrechte Prozessionen mit ihrer anrüchigen Fracht aus der Stadt hinaus zu den Gärten bewegten. Der Mosbacher Amtsarzt Dr. Gruber schrieb 1808: „Begenet man einer solchen Procession mit Kübeln, so eilet man, was man kann, um seine Nase in Sicherheit zu bringen!“

Die Bewohner des Umlandes, denen dieser Mosbacher Brauch fremd war, bedachten die Einwohner Mosbachs mit dem zunächst als Schimpfwort gedachten Begriff „Kiwwelschisser“, der im Laufe der Zeit durchaus auch mit Stolz und Selbstironie angenommen wurde. Seit den 1960er Jahren ist die mit einem Eimer auftretende Figur des „Kiwwelschissers“ ein fester Bestandteil der Mosbacher Fasnacht. Auch der Kunstmaler Edgar John hat die Figur des „Kiwwelschissers“ künstlerisch umgesetzt. 1987 wurde am Mosbacher Marktplatz der vom Kandelbach gespeiste „Kiwwelschisser-Brunnen“ gestiftet, der inzwischen aufgrund seines kuriosen Hintergrundes zu den Wahrzeichen der Stadt zählt.

Der letzte Mosbacher Original-Kiwwel kann noch besichtigt werden. Er steht auf dem Mosbacher Rathausturm auf Höhe der Glocken hinter einem alten Holztürchen. Der letzte Mosbacher Türmer, Georg Andreas Großkinsky, hat ihn bis 1909 noch benutzt.

Bis heute ist „Kiwwelschisser“ ein charmanter Spitzname der Einwohner Mosbachs. Mit dem Original „Mosbacher Kiwwelschiss“ gibt es nun auch einen leckeren Schokogruß von und für Mosbacher und solche, die es werden wollen.